Was nicht funktioniert

Online-Kurse zum Reich-Werden: Eine Glaubensfrage

2026-06-11 · 613 Wörter

Ein Screenshot zeigt ein PayPal-Konto mit 47.000 Euro. Darunter steht: „Das habe ich in 30 Tagen mit Dropshipping verdient – und du kannst das auch." Der Kurs kostet 1.997 Euro. Das ist kein Einzelfall. Auf Instagram, YouTube und TikTok findest du Dutzende solcher Angebote, alle mit ähnlicher Struktur: dramatischer Vorher-Nachher-Kontrast, Lifestyle-Bilder, Dringlichkeit, und ein Preis irgendwo zwischen 997 und 4.997 Euro. Was dabei selten gezeigt wird: wie viele der Käufer tatsächlich Geld verdienen – und womit der Kursverkäufer sein Geld verdient.

Das Geschäftsmodell hinter dem Geschäftsmodell

Wer ernsthaft Dropshipping betreibt – also Produkte ohne eigenes Lager über Lieferanten wie AliExpress oder inländische Großhändler verkauft – kämpft mit strukturellen Problemen: Margen zwischen 10 und 30 Prozent, steigenden Meta- und Google-Ads-Kosten, langen Lieferzeiten aus Asien und einem gesättigten Markt. Der durchschnittliche Shopify-Dropshipping-Shop macht laut verschiedenen Branchenbeobachtungen innerhalb der ersten zwölf Monate keinen Gewinn – verlässliche, unabhängige Studien zum Median-Einkommen sind allerdings schwer zu finden, weil die meisten Plattformen keine disaggregierten Daten veröffentlichen.

Wer in diesem Umfeld wirklich gut verdient, hat zwei Optionen: Er optimiert seinen Shop jahrelang, oder er wechselt das Produkt – und verkauft Kurse. Das ist keine Unterstellung, sondern eine ökonomische Logik. Ein Dropshipping-Kurs für 1.997 Euro hat eine Marge von fast 100 Prozent. Das echte Produkt braucht Werbung, Retouren, Kundenservice. Der Kurs braucht eine Landingpage und ein Webinar. Viele der bekanntesten deutschsprachigen „Dropshipping-Gurus" verdienen ihren nachweisbaren Umsatz zu einem erheblichen Teil über Kursverkäufe, Affiliate-Deals mit Shopify oder gesponserte YouTube-Inhalte – nicht über den Verkauf von Produkten.

Was die FTC-Daten über ähnliche Modelle sagen

Direkt auf Dropshipping-Kurse gemünzte Erfolgsdaten existieren kaum. Aber ein Blick auf verwandte Strukturen ist aufschlussreich. Die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) hat für den MLM-Bereich ermittelt, dass bei vielen Unternehmen über 99 Prozent der Teilnehmer keinen oder negativen Gewinn erzielen. MLM ist nicht identisch mit Dropshipping-Kursen, aber die Verkaufspsychologie ist ähnlich: hohe Einstiegskosten, Versprechen von passivem Einkommen, soziale Beweise durch Ausreißer-Erfolgsgeschichten. Die FTC hat außerdem Unternehmen wie Lularoe oder verschiedene „Online-Business"-Kurspakete explizit wegen irreführender Einkommensdarstellungen verfolgt.

In Deutschland ist die Bundesnetzagentur für Schneeballsysteme zuständig, greift aber bei Coaching-Angeboten nur ein, wenn konkrete Garantien gemacht werden. Das Wort „kann" schützt Kursanbieter rechtlich – „Du kannst 10.000 Euro verdienen" ist juristisch anders als „Du wirst 10.000 Euro verdienen". Das ist kein Zufall.

Wie du echte Bildung von Verkaufstrick unterscheidest

Es gibt tatsächlich sinnvolle bezahlte Weiterbildung zum Thema E-Commerce. Das Problem ist nicht der Preis allein, sondern die Transparenz. Folgende Fragen helfen bei der Einschätzung:

  • Woher kommt der Umsatz des Anbieters nachweislich? Zeigt er verifizierbare Shop-Daten, oder nur PayPal-Screenshots, die sich nicht überprüfen lassen?
  • Gibt es eine Erfolgsquote der Teilnehmer? Seriöse Anbieter können und sollten sagen, wie viele ihrer Kursteilnehmer nach sechs Monaten profitabel sind – mit Methodik, nicht mit Testimonials.
  • Ist der Inhalt woanders kostenlos verfügbar? Sehr vieles, was in 997-Euro-Kursen steht, findest du in YouTube-Videos, offiziellen Shopify-Guides oder kostenlosen Blogs. Ein Kurs kann trotzdem Mehrwert durch Struktur und Community bieten – aber das sollte dann das Argument sein, nicht ein erfundener Informationsvorsprung.
  • Wird Dringlichkeit erzeugt? „Nur noch 3 Plätze", „Angebot läuft in 24 Stunden ab" – diese Mechanismen kommen aus dem direkten Marketing, nicht aus der Pädagogik.

Steuerlich gilt: Wer einen Kurs kauft und ihn als Betriebsausgabe absetzen möchte, sollte das mit einem Steuerberater klären. Ein Kurs ist nicht automatisch absetzbar, nur weil er mit „Business" überschrieben ist.

Das Grundproblem bei teuren Mentoring-Kursen ist kein moralisches, sondern ein strukturelles: Das Produkt, das am einfachsten zu verkaufen ist, ist die Hoffnung auf ein bestimmtes Einkommen. Wer 1.997 Euro ausgibt, muss ehrlich prüfen, ob er für Wissen zahlt oder für das Gefühl, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben. Beides ist menschlich. Aber nur eines davon hat einen messbaren Gegenwert.

⚠ Diese Inhalte sind allgemeine Information, keine Steuer- oder Rechtsberatung. Vor konkreten Entscheidungen Steuerberatung einschalten — vor allem bei größeren Beträgen.

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